«

»

Klang der Ewigkeit – How slow can you go?

organ2aslsp.JPG
Manchmal dauert es etwas länger Berichte auf den Weg zu bringen. Manchmal ist das aber auch gar nicht schlimm, wie in diesem Fall.

Als ich mich schon Mitte Januar an einem wunderbar klaren (aber sehr kalten) Tag mit einer kleinen Gruppe Studenten inklusive Tutor des Seminars Die Verabschiedung des Konzerts durch die musikalische Avantgarde an der TU Berlin auf den Weg nach Halberstadt machte, war mir noch nicht ganz klar, was mich dort letztendlich erwarten würde.

Die Stadt selbst besteht aus einer merkwürdigen Mischung aus mittelalterlichem und sozialistischem Bauwerk. 1361 wurde in Halberstadt die erste Großorgel der Welt gebaut. Diese war gleichzeitig die erste mit einer (heute gängigen) 12-tönigen Tastatur. Im letzten Jahrtausend entschlossen sich hier die Gründungsmitglieder eines Fördervereins pünktlich zum Millenium ein wahnwitziges Projekt zu beginnen: Ein Stück von John Cage (1912 – 1992) sollte sehr langsam aufgeführt werden, unvorstellbar langsam, 639 Jahre langsam. Wie soll das funktionieren? oder Wie kommt man denn auf so eine Idee? wird sich jetzt der eine oder andere fragen. Deshalb nun etwas mehr zum Stück selbst und den Hintergründen bezüglich der durchführenden Organisation.

Cage schrieb 1985 das Stück ASLSP (zu lesen als „as slow as possible“ oder als „as lsp!“ angelehnt an Finnigans Wake von James Joyce) für Klavier, welches er 1987 für den deutschen Organisten Gerd Zacher (1929 – ) überarbeitete (ergo ORGAN²/ASLSP). Rund 10 Jahre später warf dieses Werk auf einem Orgelsymposium in Trossingen die Frage auf, wie das Ganze denn aufzufassen sei und vor allem, was „as slow as possible“ gespielt auf einer Orgel bedeute (denn die habe bekanntermaßen nun einmal endlos Sustain).
Die Spieldauer des Stücks schien somit nur begrenzt durch die Lebensdauer der Orgel selbst und dem Wille zur weiteren Durchführung in den folgenden Generationen. Die menschliche Neugier ließ einen bahnbrechenden Plan erwachsen. Das Stück ORGAN²/ASLSP sollte (mit dem Jahr 2000 als gedachte Spiegelachse) für die Dauer der bis dahin verstrichenen Zeit seit dem Bau der ersten Großorgel erklingen: Für 639 Jahre!

Geplant war zunächst eine Großorgel, die anhand von Modifikationen die Klänge bis zum nächsten Wechsel für lange Zeit spielen könnte. Da die Finanzen von einem kleinen, von Spenden abhängigen Förderverein getragen werden, entschied man sich letztendlich allerdings für den Bau eines erweiterbaren Prototypen, der zunächst nur die ersten Klänge der Partitur meistern konnte.

Der Austragungsort war mit Halberstadt dank der Orgelvorgeschichte schon gefunden und die Stadt überließ dem Förderverein die alte Burchardikirche (ehemals Kloster, Scheune, Lagerschuppen, Schnapsbrennerei und Schweinestall) für ihre Zwecke. Das alte Gemäuer ist wahrhaftig beeindruckend, aber ebenfalls gezeichnet durch die Jahrhunderte der Kriege und anderweitigen Nutzung. Beim Betreten des alten Gebäudes fällt sofort auf, dass es kein weiteres Stockwerk vom (teilweise mit Kies bedeckten) Fußboden bis zum neu gedeckten Dach gibt.
organ2roof.JPG
Des weiteren durchdringt den Raum ein summendes Geräusch, das sich nach ein paar Metern als der Klang des Orgelkonstrukts herausstellt.
organhalberstadt.JPG
Der aktuelle Klang kann auf der Website des Fördervereins angehört werden, ist aber meines Erachtens nach nur ein unzureichendes Abbild, denn es bilden sich dank des kreuzförmigen Gebäudes äußerst interessante Raummoden aus, die einen Besuch wert sind! Nach Verlassen des ehemaligen Klosters stellt sich ein Gefühl der auditiven Abstinenz ein, vergleichbar dem Erlebnis des Durchhörens der Drift Studies von La Monte Young.

Derzeit werden laut Partitur fünf Töne gleichzeitig gespielt. Am 5. Oktober 2013 mussten deshalb zwei weitere Orgelpfeifen (die beiden äußeren im Bild) in das Konstrukt gebaut werden.
Um die zeitlichen Ausmaße zu verdeutlichen: Dieser Klang wird unverändert für sechs weitere Jahre ertönen (bis zum nächsten Klangwechsel am 5.9.2020).

Die Tragweite dieses Langspielexperiments ist schwer zu fassen, denn es wird mich (wenn alles glatt läuft) um etwa 600 Jahre überleben. Es werden Fragen aufgeworfen, die so vermutlich noch nie im Zusammenhang mit einem Kunstprojekt gestellt wurden:
Wie wird wer das Projekt weiterführen?
Werden kommende Generationen das Projekt verstehen?
Wird es lange genug Frieden geben in Europa, um den Fortbestand des Projekts überhaupt zu gewährleisten?

Obwohl sich ein kleiner John Cage Kult um das Projekt entwickelte, die Klangwechsel gelegentlich in ein Medienspektakel ausarten und der Förderverein mit Gerd Zacher im Zwist steht über die Art der Aufführung oder Interpretation (er vertritt die Lesart „as lsp!“ – „wie ein Hauch“ und sträubt sich vehement gegen diese Art der Installative), kann ich die Idee und Umsetzung persönlich nur loben.
Sie ist einerseits natürlich in puncto Größenwahn (aufgrund der Länge) kaum zu überbieten und könnte allzu leicht als Spinnerei abgetan werden, rückt auf der anderen Seite allerdings den Menschen als Rezipienten in eine merkwürdige und zugleich interessante Position: Schnell werden reflektierende Gedankengänge zur eigenen Lebensdauer, Rezeptionsfähigkeit und Perspektive in Bezug auf die sogenannten großen Errungenschaften der Menschheit angestoßen.

Wer sich selbst vom Klang bzw. Ort überzeugen lassen, oder einfach mehr zum Projekt und Förderverein erfahren möchte, dem sei die Website http://www.aslsp.org empfohlen. Für weitere Fotos meines Besuchs finden sich noch einige Bilder auf flickr.

Bleibt neugierig!

Permanentlink zu diesem Beitrag: http://klangtaucher.net/2014/03/klang-der-ewigkeit/

Hinterlasse eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Sie können diese HTML-Tags verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>