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Klangkörper: Einhundert Klangfarben vom Ausbleichen bedroht?

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/0/03/Sarangi_close-up_crop.jpg/186px-Sarangi_close-up_crop.jpg
Ahoi…

Musik ist unsterblich. Laut dem indischen Sprichwort ‚Nada Brahma‘ besteht sogar die gesamte Schöpfung (‚Brahma‘) aus Klang (‚Nada‘).

Selbst wenn Musiker, die ja auch „nur“ Menschen sind, diese Welt verlassen, wirken ihr Einfluss und ihre Inspiration weiter fort. Im Laufe der Zeit passiert es jedoch auch, dass mit der kreativen Entwicklung und Entstehung immer neuer Spielarten von Musik, manche in Vergessenheit geraten können. In diesem Artikel will ich euch ein Instrument vorstellen, das sich eventuell gerade in einem solchen Vorgang befindet.

Die Sarangi (‚sau‘ = hundert, ‚rang‘ = Farbe ) ist eines der markantesten, traditionsreichsten und einflussreichsten Instrumente der klassischen Musik
Nordindiens, der Hindustani-Musik.

Es handelt sich hierbei um ein Streichinstrument, das in dem Ruf steht, die Ausdrucksmöglichkeiten der Stimme am besten imitieren zu können. Hierzu ist es gut, in Betracht zu ziehen, dass das Instrumentalspiel in der Tradition der klassischen indischen Musik auf der Begleitung von Gesang und Tanz basiert. Einige Instrumente, wie zum Beispiel die Sitar, fanden im Laufe der Zeit zwar ihre Anerkennung als Soloinstrument, doch auch ihre Wurzeln liegen in der Tanz- und Gesangsbegleitung.

In der Hindustani-Musik ist die Sarangi ein weitverbreitetes Instrument und gilt als eines der am schwersten zu meisternden Instrumente dieser Tradition. Die seit dem 16. Jahrhundert erwähnten Vorläufer der heutigen Sarangi wurden zunächst zur Begleitung von Tänzen im Bereich der leichten Unterhaltung eingesetzt und eher toleriert als beachtet. Wie auch dem Tablaspiel wurde dem Sarangispiel lange Zeit nur ein geringer Wert beigemessen und wenig gesellschaftliche Anerkennung entgegengebracht.

Die Spielweise der Sarangi erinnert etwas an das Cellospiel, gestaltet sich aber um einiges schwieriger, da die Saiten nicht mit den Fingern gegen das Griffbrett gedrückt werden, sondern die Tonhöhe durch seitlichen Druck des Fingernagels gegen die Saite beeinflusst wird. Die Sarangi verfügt, neben drei Melodiesaiten, noch über 30 bis 40 Resonanzsaiten, die nicht direkt angespielt werden, sondern durch die Töne der Melodie zum Mitschwingen gebracht werden. Damit dies zur Fülle des Wohlklanges beiträgt, müssen sie sehr akkurat auf die zu spielende ‚Raga‘ abgestimmt werden.

Eine ‚Raga‘ ist, ganz grob vereinfacht, eine Mischung aus Tonleiter und Verhaltens- bzw. Bewegungsregeln innerhalb ihrer tonalen Beziehungen, Melodien und mythologischen Aspekte. Da der indische Gesang so aufgebaut ist, dass jede Sängerin und jeder Sänger einen persönlichen Grundton haben, von dem aus sich ihre Stimme am besten zur Entfaltung bringen lässt, kann man sich vielleicht vorstellen, wie komplex sich Stimmung und Spiel bei der Sarangi gestalten können. Die Einbeziehung von Improvisationen in die musikalischen Darbietungen erhöht den Grad der Komplexität dabei noch um ein Vielfaches.

Zusammengefasst ist die Sarangi also ein relativ kompliziertes Instrument, das sich schwer erlernen bzw. beherrschen lässt und sich nur in einem eher bescheidenen Rahmen als Soloinstrument etablieren konnte.

Seit dem Aufkommen des Harmoniums, eines orgelähnlichen Begleitinstrumentes, welches sich viel leichter erlernen lässt, hat die Sarangi nach und nach mehr an Popularität verloren. Das Harmonium hat zwar viele Nachteile in der Variabilität des Klanges und den Möglichkeiten der Melodieführung, braucht aber zum Beispiel nicht aufwendig gestimmt werden und erfreut sich einer weiten Verbreitung. Dies soll sogar mit dazu beigetragen haben, dass auch traditionsreiche Lehrhäuser aufgehört haben, das Spiel der Sarangi zu unterrichten und sich zunehmend auf die Gesangslehre konzentrieren.

Schenkt man den Angaben hiesiger Importeure von indischen Instrumenten Glauben, so hat dieser massive Popularitätsverlust der Sarangi inzwischen dazu geführt, dass es schwierig geworden ist, an hochwertige Instrumente dieser Gattung zu gelangen, da es nicht mehr allzu viele Sarangibauer zu geben scheint, die dieses Instrument in hoher Qualität fertigen. Hier kommen wir zu dem Punkt an dem sich erkennen lässt, ist ein Instrument nicht mehr gefragt, wird es weniger gebaut, so steht es mit der Zeit weniger zur Verfügung, wird somit noch weniger erlernt und es ist unvermeidlich, dass sein Klang immer seltener vernommen werden kann.

Zum Glück beschreibt dies aber einen sehr langen Prozess der Entwicklung und die Sarangi kann heutzutage noch in vielen Zusammenhängen gehört werden. Sie wird auch nicht so abrupt verschwinden, wie das Licht einer Lampe nach der Betätigung des Ausschalters. Wer Lust hat, sich mehr über die Sarangi zu informieren und in ihren Klängen zu baden, dem empfehle ich nun noch ein paar Links und Videos.

Viel Spaß beim Klangtauchen…

 

Eine Legende der Sarangi war ‚Sultan Khan‘ (begleitet von ‚Zakir Hussain‘, einem Meister der Tabla):

Einer meiner persönlichen Favoriten auf der Sarangi ist ‚Abdul Lateef Khan‘. Interview und Performance (ab 4:40min) im indischen TV:

Einen ziemlich ausführlichen Artikel über die Sarangi gibt es, in englischer Sprache, auf: chandrakantha.com

Eine Zusammenstellung von Künstlern mit Hörbeispielen findet man auf: sarangi.info

 

peaceout…

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